Freundschaftstreffen 2022

Am Mittwoch, den 15. Juni, trafen wir uns um 18 Uhr mit den Kameraden des MTV Egolzwil vor dem neuen Besucherzentrum Para Forum der Schweizer Paraplegiker-Stiftung in Nottwil. Anwesend waren rund 45 Mitglieder der beiden befreundeten Turnvereine.

Wir wurden von Frau Bianda Dell’Oro Giorgi und Herrn Thomas Wullschleger, beide im Rollstuhl, sehr herzlich empfangen. Anschliessend geleitete man uns in einen Kommunikationsraum, wo sich die beiden kurz vorstellten und von ihrem Schicksal berichteten.

Bianda hatte einen Tag vor ihrem 20. Geburtstag einen Motorradunfall. Sie sass auf dem Soziussitz. Heute arbeitet sie in Teilzeit einerseits für die Klinik als Peer. Wenn Menschen verunfallen oder schwer erkranken, stellen sich ihnen und ihren Angehörigen viele Fragen. Sie zweifeln, ob ein sinnerfülltes Leben möglich ist. Wer selber einst die gleiche Erfahrung gemacht hat, kennt diese Ängste. Betroffene beraten, unterstützen persönlich Betroffene! Sie helfen Krisen zu überwinden, die nach solchen Schicksalsschlägen auftreten können. Ein System, das sich bei Menschen im Rollstuhl bewährt hat. Andererseits engagiert sich Bianda für die Stiftung als Gästebegleiterin. Toll!

Thomas erlitt einen Bike-Unfall und ist seither Tetraplegiker.

Anhand einiger Tabellen erfuhren wir mehr zu folgenden Themen: Querschnittlähmung, Geschichte des Paraplegiker-Zentrums, Behandlung und Erstrehabilitation.

Querschnittlähmung: Formen, Ursachen, Beeinträchtigungen, Mobilität im Alltag und Integration in Beruf und Gesellschaft.

Geschichte eines Pionierwerks. Vor 50 Jahren gab es keine ganzheitliche Medizin für Querschnittgelähmte, keine ganzheitliche Rehabilitation, keine

Wiedereingliederung in Beruf und Alltag. Ein Spitalaufenthalt dauerte bis zu drei Jahren, Behindertenheim. Altersheim.

Drei Meilensteine zur heutigen Anlage:

  • 1990 wurde das Schweizer Paraplegiker-Zentrum eröffnet.
  • 2000 wurde die Schweizer Paraplegiker-Forschung gegründet.
  • 2005 wurde das Guido Zäch Institut eröffnet.

Kompetente Behandlung. Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum ist die führende Spezialklinik für Querschnittgelähmte. Sie garantiert querschnittgelähmten Menschen eine umfassende Versorgung. 204 Betten; Notaufnahme rund um die Uhr; über 1200 Patientinnen und Patienten stationär im Jahr; 6,2 Stunden Pflegeaufwand pro Patient/Tag.

Darin eingeschlossen sind nebst medizinisch-therapeutischen Leistungen auch Beratungsdienste sowie Forschung auf dem Gebiet der Paraplegie.

Erstrehabilitation. 54% Tetraplegiker, 46% Paraplegiker. Lähmungsursachen: 54% Krankheit. 46% Unfall, davon 43% Stürze, 27% Sport, 27% Verkehr.

Bei einer Querschnittlähmung werden Nervenleitungen im Rückenmark unterbrochen. Beim Tetraplegiker (Verletzung an der Halswirbelsäule) sind alle vier Gliedmassen betroffen. Als Paraplegie bezeichnet man die vollständige Lähmung beider Beine.

Im Para Forum begegnen sich Besucher und Betroffene auf Augenhöhe. In der multimedial konzipierten Ausstellung bekommt man die Möglichkeit, sich selbst in

einen Rollstuhl zu setzen oder auf einem technisch ausgeklügelten Handbike ‘eine Runde zu drehen’ und so die Perspektive zu wechseln. Via Audiogeräte, Kurzfilme und interaktive Modelle erfährt man von vier fiktiven Personen (Sarah, Matteo, Christine und Stefan) zum Thema ‘Querschnittlähmung’ und über das Leben von betroffenen Personen sehr Vieles. Es werden starke Erlebnisse vermittelt. Es wird einem auch bewusst, dass der Bedarf an Solidarität sehr hoch ist und bleibt. Berührungsängste im Umgang mit diesen Menschen können so abgebaut werden. Einblicke in deren heutigen Alltag können so zu hoher Achtung für sie führen. Während des Besuchs der Ausstellung durften auch direkte Fragen gestellt werden.

Vor einer Wand befinden sich fünf völlig verschiedene Rollstühle aus vergangenen Epochen. Sie erinnern an eine Ausstellung vor drei Jahren. Der Rollstuhl ist für querschnittgelähmte Menschen mehr als nur ein Hilfsmittel. Er ermöglicht Mobilität und aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mobilität bedeutet Lebensqualität. Doch bis zu seinem Erfolg und der selbstverständlichen Verwendung weltweit war es ein langer Weg.

Dass Mobilität den Menschen schon immer wichtig war, das wussten bereits die Chinesen. Ab etwa 1300 v. Chr. benutzten gehbehinderte, kranke oder sehr alte Menschen eine Art Sessel mit Rollen. Bereits im Mittelalter wurden Menschen mit schweren Kriegsverletzungen mit ,Schubkarren’ aus Kriegsgebieten gebracht. Behinderte Menschen genossen nur wenig Ansehen und hatten daher keinerlei Möglichkeit, selbstständig zu leben. Nur die reichen Leute versuchten, Hilfsmittel für ihre angesehenen gehbehinderten Mitbürger zu bauen.

Der Rollstuhl hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer mehr an den Menschen angepasst. Das erste Patent für einen Rollstuhl wurde im Jahr 1869 in den USA erteilt.

Heute steht der geeignete, individuell angepasste Rollstuhl, manuell oder elektrisch, als Hilfsmittel im Zentrum der Unterstützung von querschnittgelähmten Menschen.

Ein Sport-Rollstuhl oder ein hochwertiges Handbike ist viel leichter gebaut. Früher wurden sie aus Stahl gefertigt, heute kommen vor allem Aluminium und Carbon zum Zuge.

Nach der Besichtigung der Ausstellung waren im Foyer die Tische gedeckt. Es gab zu Weisswein, Bier und Mineralwasser auch einen Imbiss, originell ‘verpackt’ in vasenartigen Gläsern mit Peperonistücken, Salamitranchen, Tomatenschnitzen, Mozzarella-Kugeln und mehr.

Es wurde noch eine Zeitlang rege diskutiert, Gedanken wechselten ihre Köpfe. Dann ergriff der Präsident der Egolzwiler, Sepp Hodel, das Wort. Er bedankte sich bei den Angestellten, speziell bei der Gästebegleiterin Bianda und Thomas für ihre Ausführungen und die Bereitschaft, auch offen über heikle Themen wie Sexualität zu sprechen. Der persönliche Austausch mit unseren Begleitern machte den Besuch einzigartig und unvergesslich. Auch unser ‘Chef’ Heinz Eichenberger schloss sich den Ausführungen des Vorredners an und bedankte sich ebenfalls im Namen aller für den tollen Abend. ‘Unsere Hälfte’ beschloss den informativen Abend mit dem Dreifachen Turnerklatsch.

Was mich persönlich etwas irritierte, war die Tatsache, dass mehr Krankheitsfälle als Ursache für die Querschnittlähmung in Frage kommen. Ich hätte eher mit Unfällen gerechnet. Wie Bianda noch erwähnte, würden gerade Immunkrankheiten das Nervensystem angreifen und lahmlegen. Auch Tumore und Multiple Sklerose können eine Ursache sein.

Es ist einfach grossartig, was in dieser Klinik geleistet wird, wie hier die betroffenen Menschen sich in guten Händen befinden, wie aufgestellt alle sind! Alle Achtung! Natürlich ist es ein langer Prozess, bis nach einem so einschneidenden Ereignis ein Leben wieder aufblühen kann

Dazu gibt es ein Losungswort und das heisst Hoffnung. Sie führt zu neuer Entschlossenheit. Dadurch erhält man den Willen zum Überleben. Die Hoffnung auf eigene Einflussmöglichkeiten und auf Hilfe von anderen setzt Energie frei, um aktiv zu werden, die Verzweiflung zu überwinden und zurück zur Lebensfreude zu finden.

Herzlichen Dank an jene Kameraden, die ihr eigenes Fahrzeug zur Verfügung gestellt haben und uns sicher nach Nottwil und zurückgefahren haben.

Ausklang für Kameraden aus unseren Reihen im Restaurant ‘Listrig’ in Emmenbrücke.

Bericht und Fotos:  Herbert Unternährer

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